Die Erfahrung der Natur
Unsere Natur
Für viele ist die Natur eine wichtige Quelle, aus der sie schöpfen. Wenn sie durch einen Wald wandern, fühlen sie sich danach erfrischt. Oder sie setzen sich ins Grüne und schauen einfach in die Landschaft, hören den Vögeln zu, spüren den Wind und lassen sich von der Sonne bescheinen. In der Natur dürfen wir einfach sein, wie wir sind. Da müssen wir nichts leisten und werden nicht beurteilt. Da sind wir geborgen. Wir sind Teil der Schöpfung. Wir fühlen uns eins mit ihr, haben teil an der Kraft, die in ihr ist, und an dem Geist, der sie durchdringt. In der Natur können wir spüren, dass das Leben, das wir überall wahrnehmen, auch in uns einfließt. Wir werden lebendig und fühlen neue Kraft in uns.
Viele Menschen erzählen, dass Tiere für sie eine wichtige Quelle sind, aus der sie Kraft schöpfen. Eine Frau ist dankbar für ihren Hund. Er zwingt sie, dass sie täglich zweimal nach draußen geht und einen Spaziergang macht. Und wenn sie Kummer hat, findet sie bei ihm Trost. Denn er urteilt und bewertet nicht. Er ist einfach bei ihr. Andere erleben ihr Pferd in ähnlicher Weise: Wenn sie es streicheln und füttern und wenn sie auf ihm reiten, haben sie teil an seiner vitalen Kraft. Da erfahren sie Weite und Freiheit, Verbundenheit und ein ganz elementares Verstehen.
Gerade aktive Menschen erfahren ihre Quelle eher im Wandern als im stillen Sitzen. Wenn sie auf einen Berg steigen, kommen sie mit ihrer Energie in Berührung. Wenn sie vorher noch so erschöpft waren, noch so frustriert von der Arbeit, so bringt sie das Wandern wieder mit ihrer inneren Quelle in Berührung. Sie schwitzen vielleicht beim Bergsteigen und fühlen sich müde. Doch trotz der Anstrengung erleben sie eine innere Frische. Neue Kraft strömt in sie ein. Die Sorgen des Alltags sind wie weggewischt. Der Kopf ist wieder frei. Andere fahren nach der Arbeit mit dem Fahrrad durch die Gegend. Dabei können sie sich frei treten von allem, was sie belastet. Sie genießen die Landschaft mit ihrer Weite und spüren, wie das Herz davon weit wird.
Viele sind schon als Kinder bewusst in die Natur hinausgegangen, um Abstand zu bekommen von den Eltern und ihren Erwartungen und Beurteilungen. In der Natur wollte niemand etwas von ihnen. Da konnten sie tun und lassen, was sie wollten. Wenn sie heute als Erwachsene wandern, dann steigt dieses Gefühl von Freiheit und Geborgenheit wieder in ihnen auf.

Meine Persönliche Erinnerung
Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Kind stundenlang nur auf der Wiese sitzen konnte und mich eins fühlte mit dem Leben um mich herum, mit den Blumen, den Insekten, den Vögeln, dem Wind. Ich fühlte mich von der Erde getragen. Ich konnte mich einfach fallen lassen und mich der Erde anvertrauen. Auf der Wiese liegend schaute ich in den Himmel, wie die Wolken ständig ihre Formen veränderten. Das war für mich der Himmel auf Erden. Wenn ich heute in die Natur gehe, suche ich solche Plätze aus, auf denen ich nur schauen, riechen, tasten und hören kann. Das genügt mir. Ich fühle mich dort wie damals in der Kindheit.
In der Erinnerung an die Erfahrung von Geborgenheit und Freiheit und Weite fühle ich, dass das Leben, das mich umgibt, wieder in mich einströmt. Der Geist, der die Schöpfung durchdringt, fließt auch in mir. Es ist der Geist Gottes, der sich gerade in der Natur als unermesslich erweist und mir wieder neue Kraft schenkt.
Die Erfahrungen, die wir in der Natur machen, beim Wandern, beim Radfahren, beim Liegen auf der Wiese, sind deshalb so heilsam für uns, weil sie uns mit wichtigen Erlebnissen in der Kindheit in Berührung bringen und weil sie uns neu und intensiv bewusst machen: In der Schöpfung Gottes ahnen wir etwas von der unerschöpflichen Fülle des Lebens, an der wir teilhaben dürfen. Da können wir uns nie satt sehen. Die Natur ist eine Einladung, immer wieder aus der Quelle des Lebens zu trinken.
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